Vorhergehendes Kapitel / Erstes Kapitel / Nächstes KapitelFive Dragons: DLvP: Kapitel 3: Ein neues ZuhauseEs war bereits später Nachmittag und die Sonne bewegte sich dem Horizont entgegen. Hell fiel der warme Glanz auf die Ziegel von Ironwings Dächern und brachte die silbernen Dachrinnen zum Schimmern. Der goldene Schein kletterte die Wände hoch, über das Geländer der schmalen Terrasse durch die Fenster in den Raum. Auf dem Bett lag ein Junge, der sich zu regen begann. Roland wachte langsam auf und der verschwommene Umriss eines Kopfes formte sich vor seinen müden Augen. Ein ihm bekanntes Gesicht schaute ihn munter an.
Zwei saphirblaue Augen strahlten ihn an und er vernahm ein fröhliches „Meep“. Ein orangeroter Nestling bewegte sich aufgeregt auf dem Laken hin und her und machte kleine Freudensprünge auf der Matratze. Das Weibchen brachte ihren Kopf mit seinem auf Augenhöhe und leckte ihm mit einem Zug über das ganze Gesicht. Die kleine Drachin gurrte fröhlich und sah ihn mit feuchten Augen an. Sie war sichtlich froh, dass er wieder bei Bewusstsein war. Die Kleine schmiegte sich eng an seine Seite und suchte erneut Blickkontakt.
Roland wischte sich mit dem Arm sein Gesicht trocken und strich seiner Drachin über den Rücken, während er ihren warmen Blick erwiderte. „Schön auch dich zu sehen“, sagte er zu ihr mit einem breiten Lächeln. Sie antwortete darauf mit einem fröhlichen „Chirp“ und machte mit geschlossenen Augen eine nickende Kopfbewegung.
Er hob die Bettdecke hoch, um aufzustehen, machte aber eine unverhoffte Pause. Sein rechtes Bein war steif, der Unterschenkel eingebunden und mit zwei langen Holzstücken geschient. Langsam atmete er aus, setzte sich aufrecht auf die Bettkannte und stellte beide Füsse auf den Boden. Das Weibchen nahm rechts von ihm Platz. Sie schnupperte einige Male an dem Verband und sah ihn aufgeregt an, bevor sie seine Hand mit ihrer Nase stupste.
Der Junge legte ihr den Arm auf den Rücken, als sie sich über seine Oberschenkel legte und liess seinen Blick in dem Zimmer umherwandern. Vergnügt schnurrte das Weibchen dabei vor sich hin. Er sass auf einem grossen Bett mit weissen Laken, das Sonnenlicht drang durch die breiten Fenster und flutete den Raum mit einem warmen, schon leicht rötlichen Schimmer.
Der Boden war mit einem grossen roten Teppich belegt, welcher in der Mitte mit einem eigenartigen Kreuzmuster geschmückt war. Die Wandteppiche wiesen die gleiche Verzierung auf. Er riss geschockt die Augen auf und hielt sich hektisch seine rechte Hand vor, blickte verwundert auf das eingebrannte Zeichen auf dem Handrücken. „Das gleiche Symbol“, murmelte er vor sich hin und starrte nervös darauf. Es schien ihm, als würde er den brennenden Schmerz, als es entstanden war noch immer leicht spüren.
Erschöpft sah er die Drachin an, diese schloss die Augen und schnurrte leise, als sie ihren Kopf auf seinen Oberschenkel legte. Roland strich ihr mit der Hand zwischen den schwarzen Hörnern hindurch, spürte das sanfte Summen ihres warmen Körpers.
In Gedanken versunken ging er die letzten Ereignisse durch: Das Drachenei auf dem steinernen Sockel in dieser verwitterten Kammer. Eine blau schimmernde Rune an der Holztür. Und dann dieses Echo. Doch allem voran diese Irrfahrt über die strasse. Der Wind rauschte an seinen Ohren vorbei und das Knarren von Holzrädern auf einer steinigen Strasse war zu hören.
Roland sass erneut in der Kutsche, gegenüber seine Mutter. Er erinnerte sich an ihre Stimme mit diesem warmen, liebevollen Klang. Und auch ihre bestimmenden Worte: „Ich sagte, halte dich fest!“, hallten in seinem Kopf wieder. Danach kletterte sie aus dem Fenster und verschwand im Dunkeln. Die Kabine wurde hin und her gerissen. Helle Blitze, gefolgt von tiefem Donnergrollen liessen ihn zusammenzucken. Ein Schrei hallte durch die Luft und mit einem starken Ruck überschlug sich das Gefährt.
Roland wurde im Inneren der Kutsche hin und her geschleudert. Das Holz knarrte unter der enormen Belastung und begann, zu brechen. Der Wagen drehte sich weiter, bis er zwischen zwei Bäumen zerschellte. Die Rückbank wurde dem Jungen entgegengeschleudert. Schützend hielt er sich einen Arm vor sein Gesicht und mit einem dumpfen Knall wurde es dunkel.
Schreckhaft wachte Roland auf. Er lag unter dem freien Nachthimmel zwischen zahlreichen Wrackteilen. Die Holzbank, an der er sich zuerst festgehalten hatte, lag schwer auf seiner Brust. Angestrengt stiess er die Bank hustend von sich runter und versuchte aufzustehen. Blut lief ihm aus einer Platzwunde von der Strin über die Wange herab und stechende Schmerzen liessen ihn wieder zu Boden sinken. Ein Spiess ragte steil aus seinem rechten Unterschenkel heraus. Geschockt sah er auf die pochende Verletzung.
Eine vertraute Stimme erregte aber seine Aufmerksamkeit. „Roland, NEIN!“, hörte er laut von ausserhalb der Trümmer. Schwer atmend richtete er sich auf, machte einen langsamen Schritt nach dem anderen aus dem Wrack heraus auf das Echo zu.
Der Junge blickte zu seiner Mutter, welche nicht weit von der Unfallstelle am Boden lag. Mit einem tiefen Schluchzen schritt er zu ihr hin. Sein rechtes Bein zog er dabei mühselig hinter sich her.
Krampfhaft kniete er sich vor sie hin. Die Frau hob angestrengt ihren Kopf und legte ihm ihre Finger an die schmutzige Wange. „Ich dachte, ich hätte dich verloren“, flüsterte sie schwach. Roland spürte die Hand seiner Mutter und hielt sie mit seiner eigenen fest. Unfähig im Moment etwas zu sagen, liefen ihm nur Tränen über sein Gesicht.
Dies war das letzte Mal, dass er sie sah. Das letzte Bild von ihr. Dann riss ihn ein lautes Donnern aus den Gedanken. Roland kam schreckhaft zu sich und blickte nervös auf den Fensterladen, welcher von einer starken Windböe gegen die Aussenfassade geschlagen wurde.
Er schüttelte den Kopf und rieb sich mit einer Hand die feuchten Augen aus, während er die traurige Erinnerung abklingen liess. Der Junge sah mit tränendem Blick aus dem Fenster und begann, schwerer zu atmen. Er hielt sich dabei die linke Hand an die Wange, versuchte, die flüchtige Wärme der Erinnerung zu halten. Einzelne Tropfen seiner Trauer suchten ihren Weg über sein Gesicht.
Das Weibchen sass aufrecht zu seiner Linken, legte behutsam einen Vorderlauf auf seinen Arm und zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hob ihren Kopf und schaute ihm mit feuchtem Blick direkt in die Augen. Die tiefblaue Färbung schien zu leuchten und ein leichter Türkisschimmer blitzte aus ihnen heraus. Sie schloss einmal kurz die Lider und schnaubte sanft, anschliessend gurrte sie ruhig und hielt den tröstenden Blick aufrecht.
Roland spürte ihren warmen Atem im Gesicht. Er legte ihr eine Hand auf die Nase und blickte in die blauen Edelsteine. In diesem Moment machte es „Klick“ in seinem Kopf. Sie hatte seine Erinnerung ebenfalls gesehen. Er fand keinerlei Erklärung dafür, konnte es aber tief in ihrem fesselnden Blick sehen.
Das Weibchen kam näher auf ihn zu und stellte beide Vorderbeine auf seinen Oberschenkel. Sie lehnte sich nach vorne und brachte ihren Kopf näher an seinen heran. Roland erwiderte die Geste, legte seinen linken Arm um das orangerote Wesen und die rechte Hand auf ihre Brust. Sie schloss die Augen zur Hälfte, begann zu schnurren und schnaubte sanft in sein Gesicht.
Das Weibchen richtete sich auf und legte beide Vorderläufe auf seine Schultern. Sanft drückte sie ihn nach hinten, bis er mit dem Rücken auf dem Bett lag und sie auf seiner Brust. Schützend breitete sie ihre Flügel über ihm aus, deckte ihn und sich selbst zu. Liebevoll leckte sie seine Tränen von der Wange und strich mit ihrem Kopf an seinem Gesicht vorbei. Sie legte ihre Nase an seine und der Junge sah ihr mit einem warmen Lächeln tief in die blauen Augen, ihre Pupillen geweitet, wie kleine schwarze Löcher. Der Türkisschimmer um die Iris leuchtete regelrecht im Lichtschein und ein heller Funke zeigte sich darin.
Roland spürte die angenehmen Vibrationen ihres Schnurrens auf seiner Brust, machte die Augen zu und nahm ihre tröstende Geste dankend an. Aus seinen geschlossenen Lidern pressten sich einzelne Freudentränen, bei der Erkenntnis, welches Verständnis dieses Wesen ihm gegenüber aufbrachte.
„Verständnis von einem Drachen, nicht von einem anderen Menschen. Von einem vierbeinigen, geschuppten, orangeroten, mit Flügeln und Hörnern ausgestatteten Drachen“, dachte er zunächst vor sich hin. Er spürte jedoch, dass es ihm letztendlich egal war, wer oder was sie war. Roland war einfach nur froh, dass das Weibchen da war, an seiner Seite. Ihn überkam ein seltsames aber glückliches Gefühl, welches ihm durch den Körper fuhr.
Ihre Taktik schien zu funktionieren. Roland räumte die erschütternden Erinnerungen beiseite und konzentrierte sich nur noch auf sie. Von ihren Flügeln zugedeckt, legte sie ihren Kopf auf seine Brust und schnurrte leise weiter, horchte seinem sanften Herzschlag. Roland spürte die angenehmen Schwingungen und hielt die Augen weiterhin geschlossen. Er fühlte, wie sich ihre rechte Pfote den Weg in seine linke Hand suchte. Sanft rieben die samtenen Schuppen über seine Haut und erreichten die Handfläche. Die schwarzen Klauen pressten sich leicht zwischen seine Finger und verhakten sich eng mit ihnen.
Schweigend schloss er seinen rechten Arm um sie und hielt sie mit leichtem Druck fest. Die Kleine gab ein leises, glückliches „Churr“ von sich, als sie die sanfte Berührung wahrnahm. Beide genossen den tröstenden Moment in vollen Zügen.
Die Zeit schien stehen zu bleiben. Roland wollte, dass er ewig anhielt. Er fühlte sich bei ihr sicher und geborgen. Drache und Mensch lagen in friedlicher Stille zusammen da. Ein ruhiger und beinahe magischer Augenblick.
Die Stille wurde jedoch durch das ruckartige Öffnen der Zimmertür gebrochen. Beide schreckten auf und lösten abrupt die enge Gesellschaft. Roland schaute erschrocken zu der sich öffnenden Tür und setzte sich hektisch wieder auf die Bettkante. Danach stand er auf, stützte sich an dem Bettpfosten ab und beobachtete den eintretenden Fremden. Der Nestling blickte eilig auf und beförderte sich mit einem schnellen Sprung von der Matratze herunter zwischen Türe und Bett. Sie neigte ihren Kopf nach unten, hielt die Flügel steil nach hinten und fauchte den Unbekannten einmal an, da dieser den schönen Augenblick zerstört hatte.
Ein grosser, dünner Mann mit leicht zerzausten, schulterlangen Haaren trat geistig etwas abwesend in das Zimmer ein. Ruckartig blieb er jedoch stehen. Sein skeptischer Blick zog von dem kleinen Weibchen zu dem Jungen, dann wieder zu der Drachin.
Er sah die orangerote Echse vor sich an. Diese schaute mit starrem Blick zurück und knurrte leise. Der Mann hielt kurz inne und atmete dabei stark aus. Er neigte den Kopf leicht schräg und hob beide Augenbrauen in Erstaunen. Anschliessend hielt er den rechten Zeigefinger hoch. „Äh, Moment“, sprach er völlig gelassen. Dann drehte er sich langsam um und ging mit schnellen Schritten aus dem Raum, den Zeigefinger stets hoch gehalten.
Das Weibchen nahm eine gelassenere Haltung ein, gab ein kurzes „Chirp“ von sich und blicke fragend zu Roland. Dieser stand neben dem Bett und schaute genauso verwirrt zurück. Er hob eine Augenbraue und zuckte kopfschüttelnd mit den Achseln. „Keine Ahnung was das sollte“, sagte er zu ihr mit einem skeptischen Lächeln im Gesicht. Das Weibchen gab ein leises „Churr“ von sich, schnaubte und schüttelte ihren Kopf ebenfalls.
Die Zimmertür stand offen und es waren Stimmen aus dem Gang zu hören. Roland versuchte, die Stimmenfetzen zu verstehen, doch waren nur kleinere Brocken verständlich.
„Wo willst …. denn hin?“
„Niemand hat….…. Drache….….warum denn….?“
„Jetzt stell dich nicht so…..…geh da jetzt rein und….….der Drache…….nichts tun…..
….mach jetzt, bin gleich zurück!“
„Das stand aber nicht in der Jobbeschreibung!“, hallte es zuletzt klagend von draussen, dann wurde es still.
Ein langer, dünner Arm kam zum Vorschein. „Nicht schiessen! Ich komme in Frieden“, sagte der Mann, der erneut in das Zimmer eintrat. Er hielt beide Arme nach oben, als hätte man eine Armbrust auf ihn gerichtet und kniete sich auf den Boden. Er schaute mit ernster Miene die Beiden im Raum an, während ihm vereinzelte Schweisstropfen von der Stirn liefen. Roland sah den ängstlich zitternden Mann an. „Schiessen? Womit denn?“, dachte er vor sich hin als er schmunzelnd den Kopf schüttelte.
Es folgte eine kurze, peinliche Pause, in der sich alle im Raum nur schweigend ansahen. Roland atmete einmal durch und machte einen entschlossen, wenn auch etwas wackeligen Schritt auf den immer noch knienden Mann zu. „Ich bin Roland“, begann er und hielt ihm begrüssend seine rechte, geöffnete Hand entgegen. „Und wer seid ihr?“
Der Mann senkte seine Arme und blickte etwas ratlos den Jungen an. Er liess seinen Blick rasch zu dem orangeroten Weibchen abdriften, welches sich hinter Roland stellte. Sie schnaubte ihn einmal an und setzte sich aufrecht hin. Die Drachin blickte den Mann mit offen Augen an, welcher wie verzaubert in die tiefblaue Färbung zurückschaute. Beinahe so, als würde er darin ertrinken. Er hielt seinen Kopf leicht schräg und liess den Mund auffallen. Der Türkisschimmer in ihren Augen reflektierte sich in den Pupillen des Mannes und liess ihn schwer einatmen. Skeptisch sah das Weibchen den Mann an. In seinen Augen schien sie etwas zu sehen. Ein schattiges Zeichen, das sich um die eigene Achse drehte.
Roland bemerkte das nicht. Er stand wortlos da, die offene Hand immer noch ausgestreckt. Er sah den Mann vor sich an und winkte einige Male vor dessen Gesicht hin und her. Er war völlig weggetreten und die Augen des Mannes wurden immer trüber. Roland liess seinen ausgestreckten Arm auf die Schulter des Mannes sinken. „Hey, alles in Ordnung?“, fragte er ihn.
„Hallo?“, sprach er erneut und ruckte ihn einmal nach hinten und vorne. Der Mann realisierte die Bewegung und blickte Roland schockiert an, als hätte er ihn gerade aus einem Alptraum gerissen. Er rieb sich die tränenden Augen aus und schüttelte verwirrt den Kopf. Der Mann atmete flach und unbeherrscht vor sich hin, als stünde er vor einem Nervenzusammenbruch, während er einen zittrigen Zeigefinger auf das Weibchen gerichtet hielt. Mit der anderen Hand hielt er sich ein Ohr zu.
„Raus aus meinem Kopf!“, gab er angsterfüllt und mit einem tränenden Blick von sich. Seine Stimme klang irgendwie verzerrt. Stur starrte er auf den Nestling. Sein zuvor noch geistloses Gesicht verfestigte sich zunehmend in einer boshaften Miene. Das Weibchen machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu. Den Kopf leicht schräg gehalten gab sie ein verwirrtes „Chirp“ von sich. Was hatte sie falsch gemacht?
„Bring diese Stimmen zum Schweigen!“, war von dem Mann zu hören. Diesmal lauter und bestimmender. Er stiess mit dem Zeigefinger einmal nach vorne, um sein letztes Wort zu unterstreichen. Die Drachin zuckte erschrocken zusammen, senkte den Kopf niedergeschlagen und wich leicht fauchend einige Schritte nach hinten. Das Gesicht des Mannes wirkte wie ein düsterer Schatten, während er leise knurrte.
Der Nestling gab klagende Laute von sich, während sie sich hinlegte. Ihren Blick traurig zur Seite gerichtet atmete sie schwerfällig und laut aus. Roland vernahm widerwillig ihre Geräusche, welche ihm einen unangenehmen Schauer den Rücken hochfahren liessen. Der Klang brannte in seiner Seele.
Roland packte die zweite Schulter des Mannes und rüttelte ihn erneut durch, setzte dabei einen ernsteren Blick auf. „Hey, jetzt komm mal wieder runter!“, rief er ihm wütend ins Gesicht. Er schaute einmal zu dem Weibchen hinter sich und warf ihr einen tröstenden Blick zu. Diesen nahm sie gar nicht wahr, sie schloss die Augen und gab ein trauriges „Chirp“ von sich. Roland sah eine einzelne Träne aus ihrem geschlossenen Augenlied treten und wandte sich erneut dem zitternden Mann zu. „Was für Stimmen?“, fragte er ihn mit wütendem Gesichtsausdruck.
Der Mann schien nun endgültig aufzuwachen und seine Atmung beruhigte sich schnell. Roland sah, wie die trübe Färbung seiner Augen wieder klarer wurde. Er schüttelte den Kopf, hielt sich eine Hand an die Stirn und sah dann verwirrt auf seinen immer noch ausgestreckten Finger. Er liess den Arm langsam sinken und blickte in ein ratloses und zugleich wütendes Gesicht. Beide Augenbrauen gehoben begann er, verlegen zu grinsen, als hätte man ihn beim Spannen erwischt. Darauf folgte eine merkwürdige, stille Pause.
„Was sollte das?!“, fragte Roland scharf. Der Mann zuckte darauf kurz mit dem Kopf zwischen seine Schultern. Er sah ihn eine Weile lang mit leicht schräg gehaltenem Kopf an. „Was sollte… was?“, gab er verwirrt als Antwort zurück und zuckte mit den Achseln. Er schien sich an nichts mehr zu erinnern.
Roland richtete sich auf und kratze sich fragend am Hinterkopf, während sein Blick zu dem traurigen Weibchen wanderte. Es schnürte ihm die Brust zu, als ihr Winseln erneut in seine Ohren drang. Er ging vor sie hin und setzte sich vorsichtig an ihre Seite. Mit beiden Händen hob er sanft ihren Kopf hoch und sah sie tröstend an. Sie gurrte leise bei seiner Berührung und öffnete langsam die Augen, bevor sie ihren Blick auf ihn richtete.
Roland sah in die geweiteten Pupillen und spürte ihre niedergeschlagenen Emotionen, der Türkisschimmer verschwand in der tiefblauen Färbung. „Ist nicht deine Schuld“, sagte er ruhig zu ihr und strich ihr dabei mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht. Die Vibrationen ihres Gurrens waren intensiv und Roland hielt einen Moment inne, um Luft zu holen. Er lächelte sie tröstend an und sprach gelassen weiter. „Du hast nichts Falsches getan, weshalb also die traurige Miene?“ Sie schnaubte ihn einmal stark an, liess aber ihren traurigen Blick wieder zur Seite fallen.
„Weisst du“, begann er langsam, „es tut hier richtig weh, dich so zu sehen.“ Sie hob ihren Kopf wieder und sah, wie sich Roland eine Hand auf die Brust legte. Sie richtete sich auf und stupste leicht zögerlich einmal mit ihrer Nase dagegen. Er atmete gelassen aus. „Ja, genau da“, sprach er kopfnickend. Sie verstand die Geste. Das Weibchen schloss die Augen zur Hälfte, gurrte zufrieden und suchte erneut Blickkontakt. Es schien so, als versuchte sie zu lächeln. Der dünne Rand aus Türkis kam wieder zum Vorschein und schimmerte hell um die Iris herum.
Roland stand leicht wackelig auf, stets den Blick erwidernd. Er stemmte beide Hände in die Hüften und beugte sich zu ihr runter. „Also, wer ist ein fröhlicher Drache?“, fragte er mit einem breiten Grinsen. Sie stand blitzartig auf allen Vieren und machte einen kleinen Luftsprung. Noch in der Luft stiess sie ein lautes, aber glückliches „Meep“ aus dem Hals. Roland beugte sich erneut herunter und tätschelte ihr den Kopf. „Genau das wollte ich hören.“ Sie gurrte zufrieden und leckte ihm schnell über die Hand.
Roland fiel erst jetzt wieder ein, dass ja noch jemand im Zimmer war. Er dachte erneut an die heftige Reaktion des Mannes auf seine Begleiterin. „Was hatte das nur ausgelöst?“
Der Fremde war inzwischen aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet. Er stand an dem langen Fenstersims und holte einmal tief Luft. Mit einem erleichternden Stöhnen stiess er sie wieder aus und drehte sich elegant zu ihnen um. Er atmete ein, um einen Satz zu beginnen, doch es kam ihm jemand zuvor.
„Was brauchst du denn so lange?“, fragte ein kräftiger Mann, der in der Zimmertür stand. Er trug eine weisse Weste mit roten Ärmeln, welche sich farblich ein wenig mit der braunen Hose bissen. Zwei grosse schwarze Schuhe rundeten das Bild ab.
Der dünne Mann hielt beide Arme auseinander und setzte eine fragende Miene auf. „Ich wollte gerade….“ „Ist nicht mehr vonnöten“, unterbrach ihn der Grosse. „Conrad hat nach dir verlangt.“ Er machte einen Schritt rückwärts aus dem Zimmer und winkte mit einer Hand in den Flur. „Du kannst jetzt gehen. Ich übernehme ab hier.“
Er liess sein Gesicht sinken, atmete entrüstet aus und ging mit niedergehaltener Stirn aus dem Raum. Er schaute Roland im Vorbeigehen kurz an. „Wir sehen uns dann später, irgendwann“, murmelte er und winkte ihm mit zwei Fingern noch zu bevor er im Flur verschwand. Roland blickte ihm skeptisch hinterher. Der Mann hatte eine eigenartige Art zu gehen und zu sprechen. Seine Gedanken kreisten aber immer noch um die verwirrte Reaktion auf seine Begleiterin. Doch das musste warten.
„Guten Mo… .“ „Hat er gesagt, was er will?“, unterbrach der dünnere Mann den Grossen unend, als er den Kopf zurück ins Zimmer streckte. „Nein“, antwortete dieser, während er stark ausatmete. Er klang dabei leicht gestresst. „Na gut.“ Mit diesen Worten verschwand das zottelige Gesicht wieder im Flur. „Auf ein Neues“, begann der grössere Mann. Er kam erneut ins Zimmer und machte eine vorgebeugte Geste mit seinem Kopf. „Guten Morgen, oder sollte ich eher sagen, einen schönen Abend?“ Roland schaute verwundert aus dem offenen Fenster. Es war in der Tat sehr spät, denn der rötliche Schleier der untergehenden Sonne lag bereits über dem Horizont. Er fragte sich, wie lange er wohl geschlafen hatte und wandte sich wieder dem Mann zu.
„Ihr könnt mich Daniel nennen“, stellte sich der Fremde vor, als er auf den Jungen zuging. „Der Andere war Timothy“, ergänzte er und deutete mit seinem rechten Daumen über seine Schulter. Roland sah ihn mit ernster Miene an. „Wie lange bin ich schon hier?“, wollte er wissen.
Daniel hielt sich eine Hand an sein Kinn, während er seine Gedanken sammelte. „Mit heute sind es drei Tage“, antwortete er und hielt ihm drei ausgestreckte Finger entgegen. Roland riss geschockt die Augen auf. Drei Tage!?, hallte es in seinen Gedanken wieder. Er sah fragend das Weibchen an. Diese gab nickend ein „Chirp“ von sich, und bestätigte Daniels Aussage.
„Ihr wart in sehr schlechter Verfassung, als ihr hier angekommen seid“, begann Daniel. „Eure Wunde am Bein war entzündet und ihr hattet hohes Fieber.“ Daniel zeigte mit einer Hand auf Rolands rechtes Bein. „Doch der Sorati hat ganz gute Arbeit geleistet“, fügte er an. „Huh? Sorati?“ Roland runzelte die Stirn. „Was ist ein Sorati?“, erkundigte er sich neugierig.
Daniel runzelte etwas skeptisch die Stirn. „Ihr wart noch nie bei …“, er stoppte, als er den unwissenden Blick des Jungen sah. Gedanklich fasste er kurz einige Sätze zusammen. „Nun, einfach gesagt: Die Sorati sind ein drachenähnliches Volk, welches der Wächterdrachin Sorathis dient. Ihre Priester sind spezialisiert auf die Magie der Wiederherstellung, welche sie im Namen ihrer Herrin im ganzen Land anwenden.“ „Wie drachenähnlich?“, unterbrach ihn Roland und hob erstaunt die Augenbrauen und zeigte dabei auf seine Begleiterin. „Etwa so wie sie?“, fragte er nach. Daniel schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Sie verfügen durchaus über menschliche Züge, jedoch mehr mit drachischen Merkmalen.“ Daniel begann zu lächeln. „Aber ihr werdet es selbst sehen, wenn wir sie morgen erneut aufsuchen werden.“ „Erneut? Warum?“, hakte Roland unsicher nach. „Wegen eures Beines“, argumentierte Daniel gelassen.
„Ein Menschendrache?“, murmelte Roland vor sich hin und wusste nicht recht, was er von dem halten sollte. Doch dann stupste ihn seine Begleiterin mit der Nase ins Bein und holte ihn aus den Gedanken zurück. „Ja“, setzte Daniel erneut an. „Sie war ebenfalls skeptisch.“ Er deutete mit der Hand zu dem Weibchen. „Und hat den Priester zuerst gar nicht in eure Nähe gelassen.“ Mit einem Lächeln schaute er sie an. „Aber sie hatte seine Absichten sehr schnell erkannt.“
Daniel klatschte einmal vor sich mit den Händen zusammen. „So genug davon, alles andere können wir auch noch später besprechen.“ Er machte einige Schritte aus dem Zimmer heraus in den Flur und winkte Roland zu sich. „Ihr müsst doch sicher hungrig sein, nach solch einem Abenteuer.“
Roland sah ihn mit grossen Augen an, denn genau in diesem Moment, als Daniel es erwähnt hatte, spürte er ein riesiges Loch in seinem Bauch und hielt sich eine Hand an die Quelle des Knurrens. „Ja das kann man wohl laut sagen“, sprach er und folgte Daniel aus dem Zimmer, dicht gefolgt von der kleinen Drachin.
Roland wurde von dem Bediensteten durch das grosse Haus geführt. Langsam, jedoch stetig bewegte er sich durch den Gang. Der Flur war geschmückt mit zahlreichen Wandteppichen, welche immer einen abwechselnden Farbton aufwiesen. Rot und Blau waren am stärksten vertreten. Die Wände waren behangen mit vielen Gemälden aus alter Zeit. Die meisten Gesichter waren Roland jedoch fremd, doch es tauchte immer wieder das gleiche Symbol wie auf seinem rechten Handrücken auf.
„Dies sind die Generationen der Familie Daventry“, fing Daniel an zu erzählen. Er blieb mit ihm vor einem Bild stehen, auf dem zwei Frauen zu sehen waren. „Dies sind Lady Catherine und ihre Schwester Lady Claire“, sprach der Mann. Er atmete schwer aus und ging dann still weiter. Roland blieb kurz angebunden vor dem Portrait stehen. Zögerlich blickte er in das gemalte Gesicht seiner Mutter. Seine Augen begannen, feucht zu werden, doch er wurde von einem kleinen Drachenweibchen am Bein an gestupst. Er schaute sie etwas verwundert an, musste dann aber lächeln, als er mit ihr Blickkontakt hatte. Sie schnaubte einmal stark und gab ein leises „Meep“ von sich. „Hast recht“, antwortete er knapp und ging mit ihr zu Daniel, welcher bereits ein Stück weit vorausgegangen war.
Am Ende des langen Flures kamen sie zu einer Treppe, welche im Halbkreis in die untere Ebene zum Eingangsbereich führte. Mit Daniels Hilfe unten angekommen, gingen sie durch die Halle zum hinteren Bereich. Nachdem sie eine massive Holztür iert hatten, standen sie in einem grösseren Saal. In dessen Mitte befand sich ein langer Tisch, um den zahlreiche Stühle aufgereiht waren. Ein rotes Tischtuch zog sich über die gesamte Länge der Platte und war mit vielen schmackhaften Gerichten gedeckt.
„Ahh, endlich wieder unter den Lebenden, wie es scheint“, kam es von dem oberen Tischende. Auf dem Stuhl sass ein Mann in Uniform. Drei rote Stoffbänder verliefen von einer rechten Schulter quer über seine Brust herab. Auf der linken Schulter lag eine Panzerplatte mit dem gleichen Wappenkreuz, welches auch auf den Bildern zu sehen war. Roland kannte die Person bereits. Es war der Anführer der Soldaten, welche auch nach ihm gesucht hatten. Der Mann stand von seinem Stuhl auf und machte eine vorgebeugte Geste mit seinem Kopf. „Gestattet mir, mich vorzustellen. Koris, James Koris. Hauptmann der Garde von Ironwing.“
„Für Formalitäten haben wir später noch Zeit, Koris“, unterbrach ihn Catherine, die neben ihm am Tischende sass. „Nun lasst den Jungen doch erst einmal etwas essen.“ „Sehr wohl“, entgegnete Koris und setzte sich wieder hin. Sie lächelte Roland freundlich an und winkte ihn zu dem leeren Stuhl an ihrer linken Seite.
Daniel zog diesen einladend zurück. „Setzt euch“, sprach er anschliessend und machte mit der geöffneten Hand eine Geste auf die Sitzfläche. Roland liess sich nicht zweimal bitten und nahm auf dem offerierten Stuhl Platz. Das Weibchen setzte sich rechts daneben auf den Boden.
Weitläufig liess er seinen Blick über den reich gedeckten Tisch wandern. „Greif ruhig zu“, sprach Catherine mit einem Lächeln im Gesicht. „Es ist genug von allem da.“ Roland war zunächst etwas skeptisch. Als sein Magen aber erneut knurrende Laute von sich gab, begann er, seinen Teller zu füllen.
Nach und nach kamen weitere Leute in den Raum und nahmen auf den freien Stühlen Platz. Alle musterten den Neuankömmling und seine Begleiterin genau. Roland fühlte sich in dieser Situation etwas unwohl, was ihm ein wenig auf den Appetit schlug.
„Das ist er?!“, rief eine kindliche Stimme laut durch den Saal. Ein Mädchen mit langen braunen Haaren, welche zu einem Zopf geflochten waren, trat in den Raum ein und schaute Roland mit einem komischen Blick an. Auffällig war, dass ihre Augen nicht die gleiche Farbe hatten. Das rechte Auge war grün und das linke Türkis. „Der ist ja richtig klein“, kam es anschliessend mit einem enttäuschten und leicht klagenden Unterton von ihr.
Roland hob die Augenbrauen in Erstaunen. „Klein?“, dachte er sich. „Wenn hier jemand klein ist, dann sie!“ Er schüttelte kurz den Kopf und sah zu seiner Begleiterin runter. Diese schnaubte einmal und hielt fragend ihren Kopf schräg.
Das Mädchen ging eilig um den Tisch herum und blieb vor der Drachin stehen. Diese stand etwas erschrocken auf und blickte skeptisch das vor ihr stehende Kind an. „Jetzt haben alle von einem Drachen geredet!“, meckerte es laut vor sich hin, hielt dabei beide Arme nach vorne und zeigte provokativ auf das Weibchen. „Und dann komm ich her und der sieht so klein aus.“
Die Drachin machte einige Schritte zurück und blickte einmal traurig zu Roland, bevor sie sich hinter seinen Stuhl zurückzog. Nicht schon wieder!, dachte er sich genervt. Mit einem Ruck schob Roland seinen Stuhl zurück und stand auf. Alle am Tisch verstummten und blickten ihn gespannt an.
Roland kniete sich etwas unbeholfen neben dem Weibchen hin und legte einen Arm um sie. Er blickte das Mädchen etwas wütend an. „Was hast du denn für ein Problem?!“, fragte er sie laut. „Ich hab doch kein Problem. Der da ist der mit dem Problem“, fuhr sie energisch weiter. „Der Drache ist viel zu klein“, sagte sie und zeigte mit dem Finger auf das Weibchen.
Roland sah einmal zu seiner Begleiterin, diese erwiderte seinen Blick mit feuchten Augen und einem leisen „Chirp“. Dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu. „Erstens“, begann er, „ER ist eine SIE!.“ Roland sah sie ernst an. „Und zweitens, ist sie erst vor einigen Tagen geschlüpft, also tut es mir leid dass sie deinen Vorstellungen eines Drachen nicht entspricht!“ Die Drachin streckte ihren Kopf hinter Roland hervor und schnaubte das Mädchen darauf einmal herablassend an. Das Kind stemmte ihre Hände in die Hüften und holte Luft. Doch bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie unterbrochen.
„Das reicht jetzt, Rebecca!“, sagte Catherine mit bestimmendem Tonfall. Rebecca stampfte darauf mit dem Fuss auf den Boden, ging energisch um den Tisch und setzte sich so weit weg von Roland hin, wie es nur ging. Sie schickte noch einige wütende Blicke zu ihm, doch er ging nicht darauf ein. Er strich dem Weibchen einmal mit der Hand über den Kopf und schaute sie tröstend an. Sie gurrte darauf leise und leckte ihm zutraulich über die Hand.
Roland stellte den Stuhl wieder gerade hin und setzte sich erneut an den Tisch. Die Drachin ging neben ihn hin und legte sich wieder rechts von dem Stuhl auf den Boden. Es folgte eine kurze, stille Pause, bevor die Tischgespräche wieder einsetzten. Roland war nach diesem kurzen Wortgefecht nicht sonderlich nach Reden zumute. Er kaute lange an seinem Essen und horchte stattdessen den einzelnen Gesprächen.
Koris unterhielt sich ernst mit Catherine. Roland hörte einige kleine Details heraus. Es ging um einige unbekannte Personen, die in der Stadt und der näheren Umgebung nach jemandem suchen sollen. Aber mehr bekam er nicht mit. Die anderen Gespräche waren zu laut.
Rolands Aufmerksamkeit zog sich plötzlich nach unten, als er den Vorderlauf seiner Begleiterin auf seinem Bein spürte. Das Weibchen blickte ihn etwas traurig an und schmatzte einige Male mit leerem Maul. „Oh richtig, du hast sicherlich auch Hunger!“, fuhr es ihm durch den Kopf.
Er winkte Daniel zu sich heran. „Darf sie auch etwas vom Tisch haben?“, fragte er ihn unsicher und deutete mit einer Hand zu dem Weibchen. Daniel blickte den Jungen etwas verdutzt an, lächelte anschliessend aber. „Einen Moment“, sprach er ruhig und ging mit eiligen Schritten aus dem Raum. Roland sah ihm nach, bis er in der Tür verschwand. Kurze Zeit später kam er mit einer silbernen Schüssel zurück.
Das Weibchen beobachtete ihn genau. Besonders die glänzende Schüssel, die er mitgebracht hatte. Sie stand auf allen Vieren und schwenkte aufgeregt ihren Schweif hin und her, während sie neugierig in der Luft schnupperte. Daniel kniete sich nach unten und stellte die Schale neben Rolands Stuhl auf den Boden. Er hielt mit der Drachin Blickkontakt und lächelte sie an, als er ihr in die tiefblauen Augen blickte. Ihr leichter Türkisschimmer blitzte in ihnen auf, als sie die dicken Fleischbrocken darin sah. „Lass es dir schmecken“, sprach er gelassen und liess dann die Schüssel los. Anschliessend stand er wieder auf.
Das Weibchen machte sich sogleich über den Inhalt her und schlang das Fleisch gierig runter. Sie leckte den Rand der Schüssel sauber und gab ein sattes, glückliches „Chirp“ von sich. Die Drachin fuhr sich mit der Zunge die Lippen hoch und legte sich erneut neben Rolands Stuhl, wo sie leise und fröhlich vor sich hin schnurrte.
„Habt ihr schon einen Namen für sie?“, fragte ihn Daniel von der Seite. Roland war von seiner Frage überrascht und sah unwissend zu dem Weibchen runter. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, sagte er und zog verwundert die Augenbrauen hoch. Er legte seine Stirn in Falten und grübelte intensiv über mögliche Namen nach. Aber absolut nichts schien zu en. „Nein“, sagte Roland entrüstet. „Mir fällt da jetzt gar nichts ein.“
„Nenn SIE doch Echsilein, oder Schuppengnom!“, klang es verärgert von der anderen Tischhälfte. Roland sah Rebecca böse und herablassend an, ging aber auf ihre Worte nicht weiter ein. Daniel legte Roland eine Hand auf die Schulter und sah ihn mit einem warmen Blick an. „Wie wäre es mit Kyndle?“, fragte er ihn. „Kyndle?“, entgegnete der Junge verwundert. „Weshalb Kyndle?“
„Da gibt es diese Geschichte“, begann Daniel gelassen. „Diese handelt von einer Frau mit dem Namen Kyndle“, sagte er mit etwas traurigem Wortklang. „Eine Legende, wenn ihr so wollt. Eine wunderschöne Zauberin mit saphirblauen Augen und diesem prachtvollen Türkisschatten um die Iris. Wie deine Begleiterin hier.“ Roland sah, wie Daniels Augen leicht feucht wurden. Es schien für ihn mehr, als nur eine Legende zu sein. Daniel atmete einmal schwer aus und wischte sich eine kleine Träne aus den Augen. „Ihr Blick hat mich eben wieder an sie erinnert.“ Er sah die Drachin lange an und wandte sich dann wieder Roland zu. „Ist nur ein Gedanke. Ihr könnt es euch ja einmal durch den Kopf gehen lassen“, sprach er anschliessend und hob die saubergeleckte Schüssel vom Boden hoch. Anschliessend verschwand er damit im hinteren Bereich des Raumes.
Roland bekam vom Rest des Abendessens nicht mehr viel mit. Er dachte intensiv über den Namen nach. „Kyndle?“, murmelte er leise vor sich hin. Er wurde aus den Gedanken gezogen, als ihn etwas am Bein an stupste. Das Weibchen stellte beide Vorderläufe auf seinen Oberschenkel und sah ihn von unten mit grossen, feuchten Augen an.
Er erwiderte ihren Blick mit einem leichten Lächeln. „Kyndle?“, sagte er erneut. Sie fing an zu schnurren und schnaubte ihn sanft an, als sie den Namen wieder hörte. Er spürte es in ihrer Reaktion, dass er ihr gefiel. Roland legte ihr eine Hand an die Wange und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Nase. „Dann heisst du jetzt also Kyndle“, flüsterte er ihr zu. Sie schnaubte ihn einmal an und gurrte zufrieden.
Rebecca sah eifersüchtig zu Roland und seiner Drachin rüber. Sie fing energisch an, in ihrem Teller herumzustochern. „Na toll!“, murmelte sie sauer vor sich hin.
Das anfangs etwas angespannte Abendessen verlief ansonsten eher ruhig und leise. Daniel hatte gerade den letzten Teller vom Tisch abgeräumt, als Catherine das Wort an sich nahm.
„So, Roland“, begann sie. „Lass mich dich nun im Namen des Hauses Daventry offiziell hier in Ironwing willkommen heissen.“ Sie lächelte ihn mit einem warmen Blick an. Roland seufzte vor sich hin, da seine Mutter ihn auch immer so ansah. Es war so ungewohnt, dieses Lächeln bei jemand anderem zu sehen. Er schüttelte den Moment ab und blickte angespannt in die vielen neuen Gesichter.
Catherine begann, der Reihe nach die Leute vorzustellen. „Hauptmann Koris kennst du bereits“, fing sie an und deutete auf den Mann zu ihrer rechten Seite. Koris stand erneut auf und wiederholte seine Geste von vorhin. „Willkommen“, fügte er noch hinzu.
„Das hier ist Conrad“, sagte Catherine. Sie war unterdessen aufgestanden und stand hinter dem Stuhl rechts von Koris, auf dem Conrad sass. Dieser hielt sich die Hände vor seinem Gesicht zusammen und gab ein leises „Hmpf“ von sich. „Er ist mein ältester Sohn, aber nicht gerade der gesprächigste“, ergänzte sie mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Roland sah Conrad etwas nervös an. Er hatte eine dunkelbraune Kurzhaarfrisur und in seinem Gesicht zeigte sich beinahe keine Mimik. Ausserdem war ihm gar nicht aufgefallen, dass Conrad sich vorhin an den Tisch gesetzt hatte. Neben ihm lag ein Stapel mit Büchern. „Solltest du es schaffen, ihn von seinen Büchern wegzukriegen, ist er sicherlich etwas gesprächiger“, fügte sie noch schmunzelnd hinzu.
Catherine ging weiter. „Hier haben wir Daniel, Sasha, Timothy und Loretta“, zählte sie auf, während sie hinter den Vieren entlangschritt. „Sie kümmern sich um das Anwesen und haben die Leitung über das Dienstpersonal.“ Rolands Blick blieb bei Timmy stehen. Er dachte wieder an dessen Reaktion auf Kyndle von vorhin. Was hatte es damit nur auf sich? Alle nickten Roland mit einem Lächeln begrüssend zu. Nur Tim hatte einen etwas verträumteren Blick im Gesicht und ein breites Grinsen auf den Lippen.
„Dies hier ist meine Tochter Rebecca“, fuhr Catherine weiter. „Sie ist manchmal etwas schwierig, wenn es um neue Bekanntschaften geht.“ Rebecca blickte Roland böse an und streckte ihm kurz die Zunge raus. Roland schüttelte einmal den Kopf und schaute auch böse zurück. „Aber das sollte sich nach einer gewissen Eingewöhnungszeit sicherlich legen“, ergänzte die Frau und tippte dem Mädchen scharf auf den Kopf, was dessen Zunge rasch wieder verschwinden liess.
„Das war es für den Moment. Die restlichen Bewohner von Ironwing wirst du früher oder später sicher noch kennenlernen“, sprach sie und ging auf Roland zu. Sie stellte sich hinter seinen Stuhl und hielt sich an der Lehne fest, während sie sich den anderen Personen zuwandte. „So, und das hier ist, wie sicherlich schon alle wissen, Roland“, verkündete sie. „Er ist der Sohn meiner Schwester Claire.“ Sie blieb kurz in Gedanken angebunden und atmete einmal still aus. „Er wird von nun an bei uns ein Zuhause haben“, fuhr sie fort. Rebecca verschränkte sauer die Arme bei ihren Worten und warf Roland erneut einen eifersüchtigen Blick zu. Roland bekam den Blick nicht mit. Er schaute etwas verloren auf den Tisch, während sich in seinem Kopf das Wort Zuhause mehrere Male wiederholte.
Plötzlich spürte er eine warme Hand an seiner Wange. Catherine kniete vor Rolands Stuhl und schaute ihm in die tränenden Augen. Er sah wieder dieses Lächeln, jenes Lächeln, das er bisher nur von seiner Mutter kannte. „Ich weiss, du hattest einen beschwerlichen Weg und ich werde gar nicht erst versuchen sie zu ersetzen“, sprach sie leise zu ihm. Grosse Tränen zeigten sich in ihren Augen, als er den feuchten Blickkontakt erwiderte. „Aber bitte, lass mich versuchen, diese Lücke zu schliessen.“ Roland legte zögerlich seine Hand auf ihre und spürte die angenehme Wärme in seinem Gesicht. Catherine atmete stark aus und sah ihn hoffnungsvoll an. Beide schlossen die Augen und legten ihre Stirn aufeinander, während sie ihn in dem Arm nahm.
Einen kurzen Augenblick war es vollkommen still in dem Saal.
Langsam stand Catherine wieder auf. Sie rieb sich die Augen aus und atmete erleichtert ein. Bevor sie jedoch ein weiteres Wort verlieren konnte zupfte etwas an ihrem Kleid und zog die Aufmerksamkeit auf sich. Sie schaute verwundert nach unten und erblickte ein kleines Drachenweibchen, das sie mit grossen Augen ansah und ein aufforderndes „Meep“ von sich gab. Catherine kniete sich zu ihr runter und streichelte ihr leicht über die Stirn. „Dich heissen wir natürlich auch herzlich willkommen.“ Sie sah den Nestling mit fragendem Blick an. „Wie sollen wir dich eigentlich nennen?“
„Kyndle!“, kam es von Roland, wie aus der Armbrust gefeuert. Daniel konnte sich sein Schmunzeln nicht verkneifen, als er den Namen hörte. „Kyndle also? Gut“, erwiderte Catherine. Das Weibchen gurrte sie zufrieden an und schloss die Augen zur Hälfte. Die Frau stand wieder auf und sah zu Roland. „So“, setzte sie erneut an und lächelte ihn an, „ich denke, das war genug Aufregung für heute. Daniel wird dich wieder auf dein Zimmer begleiten, damit du dich ausruhen kannst.“ Sie winkte Daniel zu sich. „Du hast morgen noch einiges vor dir und solltest dafür fit sein.“ Roland dachte sich noch. „So müde bin ich gar nicht.“ Doch kaum in Gedanken ausgesprochen, fing er schon an zu gähnen.
Daniel verliess mit ihm den Raum. Roland sah jedoch noch einmal zurück zu den neuen Gesichtern. „Gute Nacht“, sagte Catherine mit einem warmen Ton, als sie ihn lächelnd verabschiedete. Roland erwiderte ihr Schmunzeln. „Gute Nacht“, gab er leise zurück. Er bemühte sich stark, um nicht noch das Wort Mamma anzufügen, denn sie hatte in diesem Moment wieder genau den gleichen Gesichtsausdruck wie seine Mutter. Roland schloss kurz die Augen und ging dann durch die Tür zu Daniel, der bereits am Fusse der Treppe auf ihn wartete, gefolgt von einem orangeroten Drachenweibchen.
Er stand nun wieder in dem grossen Zimmer. Die Sonne schien immer noch und flutete den Raum mit ihrem rotgoldenen Schimmer. Roland musterte die vier Wände genauer. Angefangen bei dem grossen Bett in der Ecke. Am anderen Ende des Raumes stand ein Schrank mit verspiegelten Türen. Gegenüber des Einganges befand sich ein Tisch mit einem einzelnen Stuhl davor. Dahinter eine Fensterfront, von der sich einige der Scheiben öffnen liessen. Eine verglaste Tür führte zu der schmalen Terrasse nach draussen und lud zu einem herrlichen Ausblick auf den prachtvollen Garten des Anwesens ein.
Der Junge schritt über den Teppich in der Mitte des Raumes. Er blieb kurz angebunden auf dem Symbol darauf stehen und blickte nachdenklich auf seinen rechten Handrücken. Anschliessend ging er weiter zu der Balkontür und öffnete sie langsam. Ein warmer Luftstoss kam ihm entgegen, als er die Tür aufzog. Kyndle hüpfte elegant auf die schmale Terrasse und schnupperte neugierig am Boden entlang.
Roland schritt schmunzelnd nach draussen, während er sie beobachtete. Kyndle lehnte sich mit ihrer Schnauze in eine der Blumenkisten, welche am Geländer aufgestellt waren und roch eifrig an den zahlreichen Blüten. Doch zog sie schreckhaft ihren Kopf wieder zurück und atmete mehrere Male hektisch ein. Mit einem niedlichen Niesen stach eine kleine Flamme aus ihren Nasenlöchern und versengte die schönen roten Blütenblätter vor ihr. Sie schüttelte den Kopf und blickte erschrocken die rauchenden Aschehäufchen im Blumentrog an, gefolgt von einem traurigen „Chirp“.
Roland sah das ganze aus sicherer Entfernung mit an und konnte sich sein Lachen nicht verkneifen. Kyndle schaute ihn leicht verärgert an und schnaubte einmal stark in seine Richtung. „Tut mir leid“, entschuldigte sich Roland mit einem leichten Grinsen im Gesicht und ging auf sie zu. Er kniete sich zu ihr runter und tätschelte ihr den Kopf. „Kaum zu glauben, dass ein grosser, einschüchternder Drache so niedlich und klein anfängt“, flüsterte er ihr mit einem warmen Blick zu. Sie schaute ihn mit halb offenen Augen an und schnurrte sanft, während sie freudig ihre Zungenspitze aus dem Maul streckte.
Roland setzte sich vor dem Geländer auf den Boden und schaute zum Horizont. Die Sonne ragte nur noch knapp über dem Rand und schickte ihren wunderschönen rötlichen Schimmer über den Himmel. Kyndle kuschelte sich neben ihn hin und schnurrte leise, während sie sich an seine Schulter anlehnte. Er nahm sie in den Arm und legte seinen Kopf an ihren heran. Das Weibchen schloss einen ihrer Flügel um ihn, presste ihn etwas mehr gegen ihren Körper. Er spürte ihren Herzschlag und vernahm die sanften Vibrationen ihres Schnurrens. Roland hatte in dieser Umarmung ein tiefes Gefühl der Geborgenheit. Er fühlte sich daheim. Gemeinsam sahen sie sich in ihrem neuen Zuhause den friedlichen Sonnenuntergang an.
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