Vorhergehendes Kapitel / Erstes Kapitel / Nächstes KapitelFive Dragons: DLvP: Kapitel 2: Saphirblaue AugenEin heller Lichtschein fiel auf Roland nieder, welcher in dem schweigenden Gewölbe wieder zu sich kam…
Den Blick noch geschlossen neigte er seinen Kopf angestrengt hin und her. Erfolglos versuchte er, das schmerzende Pochen seines rechten Beines zu ignorieren. Nur langsam öffnete der Junge die Augen und fuhr sich erschöpft mit der Hand durch sein Haar, den Blick nach oben zu dem einfallenden Lichtstrahl in der Decke gerichtet. Der Lichtkegel stand jetzt direkt über ihm und dem steinernen Sockel.
Ein leises Gurren drang überraschend in seine Ohren. Erst jetzt bemerkte er die warme Druckstelle auf seinem linken Oberschenkel und das sanfte Summen an seiner Seite. Roland schaute zögerlich nach unten auf seinen Schoss. Eine Kreatur lag friedlich schlafend an seiner Seite, den Kopf und eine Pfote über sein Bein gelegt. Verschlafen schwenkte es das geschuppte Gesicht zur Seite und gähnte mit aufgerissenem Maul.
„Woohh!“, schrie er erschrocken, als er die vielen kleinen Zähne sah. Der Junge stiess das Ding hektisch von sich runter und kroch panisch rückwärts vom Sockel weg, bis er an der Mauer unterhalb eines der verblassten Wandteppiche ankam. Kräftig stemmte er sich gegen die Wand und versuchte sich schwer atmend an dem modrigen Stoff aufzurichten. Der alte Stoff riss ab und er fiel zurück auf den Boden. Was zum?! Wie in aller Welt? Roland blickte zu dem Geschöpf, welches in diesem Moment aufwachte. Er konnte es nicht genau sehen, da es noch im Schatten des Sockels lag.
Zwei grosse, saphirblaue Augen schimmerten aus dem Dunkeln zu dem Jungen. Er schluckte einmal leer, als ihn dieser starke Blick traf. Die Kreatur näherte sich langsam und trat ihm entgegen in den Lichtschein. Roland liess den Mund auffallen und traute seinen Augen nicht. Er kniff sich einmal in den Arm, um auch sicher zu gehen, dass er das nicht träumte. „Das kann doch nicht wahr sein!?“, murmelte er erstaunt vor sich hin.
Ein kleiner Drache, kaum grösser als ein junger Wolf, machte einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen auf ihn zu. Die Farbe der Schuppen schimmerte hell auf, als er in den Lichtschein trat und das Flimmern liess den ganzen Raum mit diesem magischen Leuchten erstrahlen. Es war ein dunkles, orangenes Rot. Ein schwaches Glitzern lag darin, als wäre der Körper mit Metallsplittern übersäht. Zu den Pranken hin wurde die Farbe kräftiger und dunkler. Vier schwarze Klauen bewegten sich an jeder Pranke über den steinernen Boden. Drei nach vorne gerichtet und eine seitlich an der Pfote platziert, wie ein kleiner Daumen. Lange, ledrige Flügel mit dunkelgrauen Membranen befanden sich zusammengelegt auf dem Rücken. Jeder Flügelarm wies eine kurze schwarze Daumenklaue auf und am Hinterkopf wuchsen zwei ebenfalls schwarze Hörner, mit jeweils einem kleineren darunter nach hinten. Am schweifende zeigte sich eine kleine schwarze Knochenspitze.
Roland dachte gleich an den seltsamen Stein, den er im Arm hielt, bevor er weggetreten war. War das wirklich das Ei eines Drachens?, fragte er sich. Wie kam es hierher. Und warum? Weshalb schlüpfte es gerade jetzt?
Seine Gedanken überhäuften ihn mit Fragen. Doch verstummte seine innere Stimme schlagartig, als er einen stechenden Schmerz verspürte. Die orangerote Echse hatte den Jungen erreicht und war mit der Nase an sein verletztes Bein gestossen. Roland stöhnte dabei einmal verkrampft aus. Nur kurz schnupperte der Nestling an der Wunde und schüttelte darauf den Kopf, stellte die Ohren hoch und sah ihn mit neugierigem Blick an. Dabei neigte er das Gesicht leicht zur Seite. Der Junge sass einfach da, nicht wissend, was kommen wird. Wie gelähmt starrte er in die schimmernden, blauen Drachenaugen, welche seinen Blick erwiderten.
Die Echse kam näher an sein Gesicht, holte einmal tief Luft und öffnete leicht das Maul. Roland schloss erschrocken die Augen, wandte sein Gesicht ängstlich zur Seite ab und hielt sich schützend die linke Hand vor. Angespannt liefen ihm die Schweisstropfen von der Stirn. Meeep!, war laut von dem kleinen Drachen zu hören.
Erleichtert öffnete er die Augen wieder. Kein Feuer, keine Zähne die ihn beissen, nicht einmal ein lautes Gebrüll. Er vernahm nur ein ruhiges Gurren von dem Wesen. Plötzlich spürte er eine Pfote auf seinem Oberschenkel. Langsam näherte sich der kleine Drache seinem Gesicht. Er spürte eine schuppige Pranke in seiner noch immer gehobenen Hand, die sie langsam aus seinem Blickfeld drückte. Kurz darauf war seine Aufmerksamkeit in zwei tiefblauen Saphiren gefangen.
Roland vernahm das sanfte Schnurren des Nestlings und spürte dessen angenehme Schwingungen. Um die rundlichen Pupillen zeigte sich ein türkisener Schimmer, in dem ein kurzer, heller Funke aufblitzte. Nasenspitze an Nasenspitze gehalten, sahen sich die Beiden lange in die Augen. Er spürte die samtene Pranke in seiner Hand und wie sich sanft die Krallen gegen seine Finger pressten. Ohne es zu merken, verhakten sich die Klauen der Echse mit seinen Fingern.
Nach diesem intensiven Blickkontakt schloss der Nestling die Augen und leckte Roland zutraulich über die Wange. Die Klauen von seiner Hand gelöst, schmiegte sich das Wesen wieder an seine Seite. Friedlich gurrend legte es den Kopf wieder über seinen Oberschenkel und schnaubte zufrieden aus.
Der Junge sass da wie gelähmt. Nicht wissend, was da gerade iert war. Dennoch kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Drache!, dachte er sich. Ein echter, lebendiger Drache liegt direkt neben mir. Er hatte in Ordenary zwar schon einige Drachen gesehen, aber das hier war etwas vollkommen anderes.
Zögerlich legte er seine Hand auf den Rücken des Wesens. Dabei vernahm er ein friedvolles Gurren von der Echse. Roland tastete sich langsam mit der Hand in Richtung des Kopfes. Schuppe für Schuppe, zwischen den Flügelarmen hindurch über den Nacken, bis zu den Hörnern hoch. Sie fühlten sich alle sehr geschmeidig an. Völlig anders als er vermutet hatte.
Als seine Hand die Stirn erreichte, blickte ihn der Drache von unten an. Das Wesen schloss die Augen zur Hälfte und gab ein langes, zufriedenes Churr von sich. Roland sah sein Spiegelbild in den grossen, dunkelblauen Augen des Wesens. Sie leuchteten wie Edelsteine mit einer feinen Spur von Türkis um die Iris herum. Dieser Blick sagte mehr als tausend Worte. Erneut blitzte dieser helle Funke darin auf.
Roland spürte eine deutliche Verbindung zwischen ihm und dem Drachen. Er wusste nicht, woher dieses Gefühl kam, aber es war da. Daran bestand kein Zweifel. Dieser Drache gehörte zu ihm. Ein Gedanke, der ihm gefiel.
Gedankenversunken fing er an, den Nestling auf der Flanke zu streicheln, was der Echse nur allzu gut gefiel. Sie drehte sich zur Seite auf den Rücken und streckte vergnügt die Beine hoch. Ein zufriedenes Chirp war die Antwort darauf. Die Schuppen am Bauch und der Unterseite waren dunkelgrau, mit einigen helleren Stellen im Bereich des Halses und zwischen den Hinterbeinen.
Das gefällt dir, was?, dachte sich Roland und fuhr mit beiden Händen über den Bauch des Nestlings. Der kleine Drache schloss vergnügt die Augen und fing leise an, zu schnurren. Ohne Zweifel genoss er die Streicheleinheiten. Rolands Blick fiel auf den Bereich zwischen den Hinterbeinen. „Soso“, gab er gelassen von sich, hob dabei eine Augenbraue und schaute dem Drachen ins Gesicht. „Du bist also ein Drachenmädchen“, sagte er und setzte ein leichtes Lächeln auf. Die kleine Drachin gab ein glückliches Meep von sich und sah Roland mit halb geschlossenen Augen an.
Der Blick des Jungen wanderte erneut im Raum umher. „So. Genug gespielt“, unterbrach er abrupt seine Streicheleinheiten. „Mit Streicheln allein kommen wir hier nicht raus.“ Der Nestling stand auf, gab ein zustimmendes Churr von sich und leckte Roland in einem Zug über sein Gesicht.
„Danke“, sagte Roland sarkastisch und wischte sich mit dem Ärmel die Wange trocken. Leicht verkrampft richtete er sich auf und sah zu ihr runter. „Du kennst nicht zufällig den Weg nach draussen, oder?“ Die Drachin neigte ihren Kopf leicht schräg und schnaubte einmal stark. „Wäre ja auch zu schön gewesen“, ergänze er mit enttäuschtem Unterton, nicht sicher, ob sie ihn überhaupt verstehen konnte.
Er schaute sich weiter im Raum um. Der Tunnel aus dem ich herkam ist eine Sackgasse, begann Roland in Gedanken seine Möglichkeiten aufzuzählen: Der Raum sieht aus wie eine Gebetshalle. Und wenn das wirklich mal eine war, müssen die Leute doch irgendwie hierhergekommen sein. Er griff sich mit beiden Händen an den Kopf und schaute hoch zur Decke.
Das kleine Drachenweibchen beobachtete den Jungen aufgeregt. Sie gurrte dabei leise vor sich hin, beinahe so, als würde sie kichern.
Die sind wohl kaum alle durch das Dach eingestiegen? Diese Überlegung liess ihn sogar schmunzeln. „Ach, so komm ich auch nicht weiter!“, seufzte er und verwarf die Hände, als er sich auf den Sockel setzte. Roland schaute zu seiner Begleiterin und zuckte kurz mit den Achseln. „Hast du vielleicht noch eine Idee?“, fragte er sie mit hoch gezogener Augenbraue und schwachem Lächeln im Gesicht.
Das Weibchen neigte ihren Kopf zur Seite und sah ihn einen Augenblick mit diesem niedlichen Gesichtsausdruck an. Anschliessend schloss sie ihre Augen und atmete tief ein, hielt einen Moment inne und stiess eine kleine Flamme aus ihrem Hals, welche sich schnell in eine schwarze Aschewolke verwandelte. Roland hielt sich panisch eine Hand vor den Mund und winkte mit der anderen den Russnebel aus seinem Gesicht. „Was zum?!“, hustete er erschrocken. Der Junge wich zur Seite aus und sah erzürnt zu der kleinen Drachin. Diese machte einen kleinen Freudensprung und schaute fröhlich zu der Wolke hoch. Die Asche schwebte im Lichtkegel und liess den Raum etwas abdunkeln.
Doch nicht für lange. Die Russteilchen wurden in welligen Mustern weggezogen. Roland sah, wie die Wolke zu einem der zerlumpten Wandteppiche getragen wurde. Er senkte den Kopf und schloss die Augen. „Cleveres Mädchen“, murmelte er leise vor sich hin und ging auf den Wandteppich zu.
In der Tat, die Hand davor gehalten, war ein schwacher Luftstrom zu spüren. Roland zog an dem vergilbten Stoff, bis die morsche Halterung nachgab. Zum Vorschein kam eine derangierte Holztür. Einzelne Stellen waren aufgebrochen, als wollte etwas oder jemand von der anderen Seite eindringen.
Er schaute zurück zu der Drachin, welche direkt hinter ihm stand. „Wusstest du davon?“, fragte er sie und zeigte mit seiner Hand zurück zu der Tür. Sie sah ihn mit halb offenen Augen an und gab ein ruhiges Churr von sich. Er blickte wieder nach vorn und schüttelte einmal den Kopf. „Wie auch immer“, fügte er an. Fest drückte er gegen die Tür. „Hrmpf! Na los, komm schon!“, stöhnte er laut und stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür. Das schmerzende Pochen seines Beines erinnerte ihn jedoch schlagartig daran, dass aus dieser Aktion nichts wird.
Die Pforte bewegte sich nicht. Weder nach vorn, noch nach hinten. „Na toll, und jetzt!?“, klagte er laut, als er sich etwas von der Tür zurückzog. Mit einer Hand griff er sich an sein verwundetes Bein, während er sich mit der Anderen am Hinterkopf kratzte. Hinter ihm hörte er ein leises Gurren. Er blickte zum Weibchen, welche aufrecht auf dem Boden sass, dabei den Kopf leicht schräg gehalten und die Ohren hochgestellt. „Das findest du wohl noch lustig, was?“, fragte er, sah ihr in die Augen und hob eine Augenbraue. Die Echse machte eine nickende Kopfbewegung und schloss beide Augen zur Hälfte. Ein fröhliches Meep fügte sie dem hinzu. „Na super, eingeschlossen in einer Kammer ohne offenen Ausgang!“, begann er und fing an, energisch mit dem Armen zu wedeln. „Mit einer Drachin, die das auch noch lustig findet!“, fügte er sarkastisch hinzu und winkte mit der Hand zu dem Weibchen.
Die Echse stellte sich auf alle Viere und senkte den Kopf nach unten, die Ohren aggressiv nach hinten gelegt. Ein schwaches Knurren war von ihr zu hören. Roland blieb regungslos stehen, hielt die Arme auseinander und schaute nervös zu ihr zurück. „Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?“ Sie schnaubte einmal stark und deutete mit ihrer Schnauze zu dem Jungen. Roland zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit den Achseln. „Ja was denn jetzt?“ Er verstand nicht, was sie ihm zu sagen versuchte.
Ein heller Schein aus seinem Rücken liess ihn plötzlich zusammenzucken. Er drehte seinen Kopf erschrocken nach hinten. Eine blau schimmernde Rune war auf der Tür erschienen.
„Ach, das war es!“, sagte der Junge erstaunt. Das Weibchen hob ihren Kopf wieder und verdrehte bei ihrem Gurren leicht die Augen. „Entschuldigung“, fügte er mit einem schwachen Grinsen an und klopfte dem Weibchen lobend auf den Kopf. Ein leises Churr war anschliessend noch zu hören.
Roland stellte sich vor die Rune. Das Zeichen war mit dem Symbol des Deckenfensters identisch und ein leises Knistern war zu vernehmen. Neugierig hielt er seine Hand in die Nähe und die Rune begann stärker zu leuchten. Erschrocken zog er sie wieder zurück und der helle Schein dimmte wieder ab.
Ist ja eigenartig? Er spürte eine seltsam vertraute Aura, die von dem Symbol ausging. Was, wenn ich? Zögerlich legte er seine rechte Hand auf die Rune. Roland drehte seinen Kopf seitlich weg und schloss ängstlich die Augen, mit der Erwartung, dass gleich etwas Ungewolltes ieren wird. Nervös hielt er den Atem an.
Und es geschah nichts.
Er öffnete zögerlich die Augen. „Phuhh!“, atmete er erleichtert aus. Das Leuchten begann abzudimmen, bis es schliesslich gänzlich verlöschte. Der Junge nahm die Hand von der Tür und blickte etwas ratlos zu dem Weibchen. „Das war eigenartig“ Er schaute seine Hand an und musste schmunzeln. „Fühlte sich beinahe an wie ….“
Die Drachin machte zuerst einen Schritt auf Roland zu, schreckte dann aber zurück. Sie nahm eine aggressive Haltung ein und fauchte einmal. Roland erstarrte vor Schreck. Die Rune war nun auf seinem rechten Handrücken erschienen und ein helles Leuchten umgab den Jungen. Die Echse hielt sich einen Flügel vor ihr Gesicht, um sich vor dem blendenden Schein zu schützen und fauchte erneut.
„Was zum?!“, schrie der Junge. Verkrampft begann sich sein rechter Arm, von selbst zu bewegen. Ein tiefes Grollen bewegte sich durch den Raum und die Luft schien zu pulsieren. Das Zeichen auf dem Handrücken begann, rot zu glühen. Schmerzerfüllt schrie Roland auf.
Sein Arm richtete sich zu der Tür aus. Auf dem Tor erschien das Zeichen erneut und begann, ebenfalls rot zu schimmern. „AN GARAD!“, hallte ein lautes Echo durch den Raum und die Tür fing plötzlich Feuer. Mit einem anschliessenden Knall wurde der Durchgang nach aussen aufgesprengt. Roland wurde durch die Druckwelle zurückgeworfen und blieb benommen liegen.
„Whoa!“, schreckte Roland auf, als er wieder zu sich kam. Er lag auf dem Boden direkt unter dem Lichtkegel. Das Drachenweibchen befand sich mit ihren Vorderbeinen auf seiner Brust. Sie wich ein kleines Stück von ihm zurück, als sie realisierte, dass er wieder zu sich gekommen war und machte darauf einen kleinen Freudensprung. Sie stupste mit ihrer Schnauze an seinen Kopf, als er sich aufrichten wollte und warf ihn damit gleich wieder zu Boden. Glücklich leckte sie ihm über die Wange, gefolgt von einem fröhlichen „Meep“.
Er streichelte ihr über den Kopf den Hals hinunter und lehnte sein Kinn an ihre Schnauze. „Ich bin in Ordnung“, sagte er mit einem müden Lächeln. „Danke dir.“ Er spürte das sanfte Summen ihres leisen Schnurrens. Die rechte Hand an ihrer Brust platziert, fiel ihm das eingebrannte Zeichen auf seinem Handrücken auf. „Das war… schmerzhaft“, murmelte er leicht verwirrt vor sich hin und starrte lange auf die frische Narbe.
Die Drachin gurrte zufrieden, stand auf und machte einige Schritte von ihm weg, blieb dann aber stehen und drehte ihren Kopf um, um zu sehen, ob Roland den Hinweis auch verstand. Er sah zu dem Weibchen und bemerkte, dass die Tür hinter ihr nun offen stand. Roland schmunzelte. „Du hast Recht“, sagte er zu ihr. „Zeit zu gehen.“
Langsam stand er auf und ging vorsichtig zu der Tür. Dahinter sah er einen sich verwerfenden Gang mit einem hellen Lichtschein am anderen Ende. Die Echse sah ihn an, schloss die Augen zur Hälfte und gab ein schnelles „Churr“ von sich. Danach schritt sie durch die Tür. Roland holte einmal tief Luft und folgte der Drachin anschliessend. Gemeinsam gingen sie Seite an Seite in Richtung des erwarteten Ausganges.
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In der Zwischenzeit …
„Wie lange noch, Koris?“, fragte Catherine ungeduldig aus der Kutsche. „Wir werden in Kürze am unteren Bereich der Klippen eintreffen, Herrin!“, rief er, während er neben dem Gefährt ritt.
Die Gruppe erreichte die Stelle, welche sie zuvor von oberhalb der Klippen erspäht hatten. Ruckartig kam der Wagen zum Stillstand. Catherine stieg aus und hielt sich eine Hand vor, um ihre Augen vor der blendenden Sonne zu verdecken. Ihr Blick wurde klarer und sie sah die Überreste eines Turmes, der sich am Fusse der Klippen in den Himmel streckte. Ein Bach entsprang ein Stück weit der Felswand hinauf und füllte einen See neben der Ruine.
„Das war mal ein Archiv des alten Kultes“, sprach Gustav, als er am Ufer des Sees stand und zu der Ruine blickte. Er zeigte mit einem Finger auf die Turmüberreste. „Der Turm ist das Einzige, was den Ansturm der Jäger überstanden hatte.“ Gustav liess seinen Blick nachdenklich über die Ruine wandern. „Ich kenne die Geschichten, Gustav“, sagte Catherine und fing an, am Wasser auf und ab zu gehen.
Die Wachen hatten bereits begonnen, das Gebiet systematisch abzusuchen. Hauptmann Koris ging mit zwei seiner Soldaten um den See herum, als er in den oberen Bereichen der Klippen zwei Männer in braunen Umhängen zwischen den Felsen erspähte.
„HEY, IHR DA!“, rief er. „GEBT EUCH ZU ERKENNEN!“ Die Unbekannten schreckten auf und zogen sich schnell hinter die Steine zurück.
Der Hauptmann winkte mit dem Arm zu der linken Seite. „Ihr zwei geht links herum nach oben. Und ich gehe von der anderen Richtung heran“, befahl er seinen Begleitern. Beide nickten ihm still zu und zogen ihre Schwerter, während sie sich auf den Weg machten. Die Wachen kreisten den Felsen ein, der den unbekannten Männern Deckung gab. Kampfbereit sprangen sie um das Hindernis herum.
Eine schwarze Wolke hüllte den Bereich dahinter ein. Der Rauch verzog sich schnell und die beiden Unbekannten waren verschwunden. Nur einige wenige Fussabdrücke waren geblieben. „Bei Wyverex` Schatten?!“, schimpfte Koris wütend. „Die können sich doch nicht in Luft auflösen.“ Er blickte neugierig die Klippen hoch. „Ach, Zeitverschwendung. Los zurück zum See.“ Er machte eine Handbewegung in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Wir müssen immer noch einen Jungen finden!“
Catherine ging auf die drei Wachleute zu. „Habt ihr etwas gefunden?“, fragte sie verwundert. "Zwei Männer in braunen Umhängen. Sie haben sich ein Stück weiter oben zwischen den Felsen aufgehalten“, antwortete er und deutete mit seiner Hand auf den Bereich oberhalb des Sees. „Sie haben allerdings sofort die Flucht ergriffen, als sie uns bemerkten.“
„Wer waren diese Männer?“, fragte Catherine mit Nachdruck. „Ich weiss es nicht, Herrin. Ich konnte deren Gesichter nicht sehen“, argumentierte er. Der Hauptmann drehte sich um, schaute zu den Felsen hoch und zog eine Augenbraue nach oben. „Sie schienen aber nach etwas, oder jemandem gesucht zu haben.“ „Dann muss er hier irgendwo sein“, sagte sie hoffnungsvoll. „Sucht weiter, wir müssen ihn finden.“
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Unterdessen in dem Gewölbe….
Roland und seine Begleiterin machten einen Schritt nach dem anderen auf das Licht zu. Er musste alle paar Meter eine kleine Verschnaufpause einlegen und hielt sich sein noch immer blutendes Bein. Das Geräusch von fliessendem Wasser war zu hören und wurde beständig lauter, je näher sie dem hellen Schein kamen.
„Hörst du das?“, fragte er die Drachin. „Hier muss irgendwo ein Bach oder sowas sein.“ Sie blieb kurz stehen und horchte den Geräuschen. Das Weibchen ging ein Stück weit voraus, drehte sich um, neigte den Kopf schräg zur Seite und gab ein scharfes „Meep“ von sich.
Roland lehnte sich an der Wand an und winkte dem Nestling einmal zu. „Nur die Ruhe. Ich komme ja schon“, beschwerte er sich schwer atmend. „Du braucht ja auch nicht zu humpeln.“ Er zeigte erschöpft auf sein verwundetes Bein. „Deine Beine sind ja nicht verletzt.“
Sie sah ihn kurz an, schloss die Augen zur Hälfte und gab ein langes „Chirp“ von sich. Anschliessend schritt sie zu ihm zurück und stellte sich neben ihn. Das Weibchen schaute ihn mit einem warmen Blick an und schnupperte einige Male skeptisch an der Wunde. Sie ging ein wenig auf Abstand und fing an, seine Humpel-bewegung mit ihrem rechten Hinterbein zu imitieren. Roland sah die Drachin verwundert an und musste daraufhin schmunzeln. Er kniete sich zittrig neben ihr hin und griff nach ihrem Kopf. Sanft zog er sie zu sich heran, bis er Blickkontakt mit den tiefblauen Augen hatte. „So habe ich das nicht gemeint.“ Er strich ihr mit seiner Hand über das Gesicht. Sie schloss dabei die Augen und gurrte leise. „Aber, danke für dein Mitgefühl.“
Der Junge lächelte. Das Weibchen schien tatsächlich alles zu verstehen, was er sagte. Roland richtete sich wieder auf und setzte seinen Weg fort, mit der Drachin an seiner Seite.
Es dauerte nicht lange und sie hatten das Ende des Ganges erreicht. Erschöpft trat er in den einfallenden Lichtschein und hielt sich eine Hand schützend vor das Gesicht. Ein kühler Luftstoss war zu spüren und frische Luft drang in seine Nase.
Als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, blickte er auf einen grossen See herab. Er stand neben einem rauschenden Wasserfall, der den Tunneleingang verdeckte. Vor ihm führte eine verwahrloste Treppe nach unten. Am Ende des schmalen Weges war eine Gebäuderuine zu sehen, mit einem einsamen, noch nicht ganz zerfallenen Turm.
Er sah über den Rand der Kante nach unten zum See und konnte mehrere Leute erkennen, die sich um das Wasser bewegten. Roland lehnte sich etwas weiter nach vorne, als sich unerwartet ein Felsen löste und nach unten ins Wasser fiel. Der Stein platschte mit einer grossen Fontäne im See auf und erregte sogleich die Aufmerksamkeit der Leute.
Koris stand neben der Ruine und sah die Wasserfontäne als Erster. „Was war das?“, rief er laut und schritt bis ans Wasser heran. „Da ist etwas ins Wasser gefallen!“, argumentierte einer der Soldaten. „Ein Felsen, der sich wohl gelöst hatte“, sprach dieser weiter.
Hm?, dachte Koris und kratzte sich am Kinn. Er blickte nachdenklich nach oben und verfolgte die mögliche Flugbahn des Steines zurück. Er schaute zu dem Wasserfall und bemerkte, wie kurz ein Gesicht dahinter hervorkam, aber gleich wieder verschwand. Sein Blick richtete sich auf den Boden und er verschränkte die Arme. Da versteckt er sich also, stellte er in Gedanken fest und begann zu lächeln.
Der Hauptmann winkte zwei Wachen zu sich heran und ging mit ihnen zu der Ruine. Einem sagte er, er solle Lady Catherine zu ihm bringen. Und den zweiten Wachmann forderte er auf, sich in den Gebäudeüberresten zu verstecken und auf sein Zeichen zu warten.
„Was hast du gefunden, James?“, fragte Catherine hoffnungsvoll, als sie mit der Wache zu ihm kam. „Der Junge ist hier, Herrin“, flüsterte er ihr zu. Ein freudiger Glanz war in ihren Augen zu erkennen, als er es ausgesprochen hatte. „Er versteckt sich ein Stück weiter oben, hinter dem Wasserfall“, fügt er an und deutete mit seiner Hand zu dem Wasserfall. „Doch von alleine wird er da wohl nicht herunter kommen. Nicht mit all den Wachleuten hier.“
„Und wie sollen wir ihn dazu bringen, von selbst herunterzukommen?“, fragte sie skeptisch. Koris richtete seine Hand zu dem Wasserfall hoch. „So wie es aussieht, führt ein Weg von der Ruine nach oben. Gustav sollte ihn von dort vorne zu sich rufen“ „Woher willst du wissen, dass das funktionieren wird?“, erkundigte sich Catherine verwundert und zog eine Augenbraue nach oben. „Ihn kennt er“, erklärte der Hauptmann. „Ihr seid ihm nicht vertraut, geschweige denn ich oder einer von der Truppe“ Er sah sie fragend an. „Wärt ihr also einverstanden wenn wir …?“ „Ja, Koris. Das bin ich“, unterbrach sie seine Anfrage. Anscheinend wusste sie bereits, was er vorschlagen wollte und lächelte ihn kurz an. „Ich will aber dabei sein“, forderte sie bestimmend. Er nickte darauf einmal. Sie ging zurück zur Kutsche und kehrte kurz darauf mit Gustav zurück.
Beide standen nun alleine in der Ruine und blickten auf den Weg zu der schmalen Treppe, welche steil hinter den Wasserfall führte. Koris verbarg sich hinter einer Mauer, von wo aus er einen guten Blickwinkel hatte.
„ROLAND!“, rief Gustav einmal laut nach oben. „Bist du hier irgendwo?“ Roland erkannte die Stimme. Gustav?, dachte er sich erstaunt und schaute die Drachin an. „Du bleibst hier. In Ordnung?“, sagte er zu ihr und hielt seine Hand auf ihre Nase. Sie blickte ihn fragend an und schnaubte einmal stark. Anschliessend gab sie ein leises „Churr“ von sich und setzte sich, wenn auch etwas zögerlich, auf den Boden. „Ich bin gleich wieder da“, versprach Roland und klopfte ihr einige Male auf den Kopf. Dann stand er auf und drehte sich zu der Treppe um.
Er humpelte hektisch, so gut es sein verletztes Bein zuliess, die schmale Treppe hinunter. Der Junge sah den ihm bekannten Mann zwischen den verkohlten Wänden stehen und machte einige Schritte auf ihn zu, blieb jedoch erschrocken stehen, als er die Frau neben ihm sah. Verwirrt schaute er zu Gustav und der Fremden.
Sie machte einen Schritt auf den Burschen zu, als sie ihn bemerkte. „Roland?“ Der Junge setzte darauf einen Schritt zurück. Er kannte die Frau nicht und war skeptisch, dennoch blickte er sie nervös an. Sie kam ihm irgendwie bekannt vor. Könnte es sein, dass …?
„JETZT!“, rief Koris, als er aus der Deckung kam. Ein Wachmann sprang hinter der bröckeligen Mauer hervor und griff geschwind nach dem Jungen. Roland fing an zu zappeln und zu schreien. „Ganz ruhig Kleiner, ich will dir doch nur helfen!“, versuchte die Wache, ihn erfolglos zu beschwichtigen.
Kurz darauf war ein lautes Brüllen zu hören und liess alle zusammenzucken. Der Wachmann liess den Jungen darauf erschrocken los. Roland kroch panisch einige Meter von ihm weg. Mit einigen Flügelschlägen landete ein kleiner orangeroter Drache zwischen dem Jungen und der Wache. Knurrend stiess das Wesen eine kleine Flamme aus dem Rachen mit dem Kopf nach unten und den Ohren nach hinten gezogen, die Flügel schräg angewinkelt. Zusätzlich war die Knochenspitze ihres Schweifes kampfbereit auf den Wachmann gerichtet. Das Feuer verpuffte und zu sehen waren die spitzen Reisszähne, begleitet von dem anhaltenden, bedrohlichen Knurren. Der Wachmann stand regungslos da und schaute angsterfüllt in die ihn anstarrenden blauen Augen, die Pupillen zusammengezogen wie Dolchspitzen.
Gustav und Catherine waren wie gelähmt und sahen geschockt die kleine Drachin an. Roland erholte sich schwer atmend von dem Schreck und sah das Weibchen in ihrer aggressiven Haltung. Er war überrascht und erschrocken zugleich von ihrer Reaktion auf die Ereignisse.
Koris kam mit den restlichen Wachen dazu. Sie zogen ihre Schwerter und stellten sich in einer Linie zwischen der Drachin und ihrer Herrin auf. Zwei richteten ihre Armbrust auf den Nestling und warteten auf einen Feuerbefehl.
Roland schüttelte den Kopf und sah die Schützen an. „NEIN!“, schrie der Junge. Er hielt die Arme auseinander und stellte sich vor das Weibchen in die Schusslinie der Wächter. Die Drachin fauchte und spannte die Flügel auseinander.
„Zur Seite, Junge!“, rief der Hauptmann und winkte mit dem Arm zu dem Burschen. Roland sah den Mann mit ernster Miene an. Er hatte nicht vor, zur Seite zu treten. „Tut das nicht!“, rief er laut. „Sie will mich nur beschützen!“
„Haltet ein!“, befahl Catherine erschrocken. „Bei den Fünf, runter mit den Waffen!“ Die Männer senkten daraufhin zögerlich ihre Bewaffnung und die Lage schien sich zu entspannen.
Roland neigte seine Arme und drehte sich zu seiner Begleiterin um. Sie knurrte noch immer und liess ihren Blick hektisch von einem Wachmann zum nächsten wandern. Er ging auf die Knie und hielt ihren Kopf mit beiden Händen fest. Der Junge sah ihr tief in die Augen. „Alles gut“, sagte er ruhig zu ihr. „Sie werden uns nichts tun. Kein Grund sich noch mehr aufzuregen“
Sie fand Blickkontakt mit ihm und die geschlitzten Pupillen weiteten sich langsam, nahmen wieder eine rundliche Form an. Ihre Atmung beruhigte sich ebenfalls. Die Drachin schnaubte einmal herablassend zu den Männern und setzte sich neben Roland auf den Boden. Einen Flügel um ihn gelegt beobachtete sie skeptisch die neuen Leute.
Roland legte einen Arm auf den Rücken des Weibchens und blickte gelassen zurück zu Catherine und Gustav. „Seht ihr, sie ist nicht gefährlich“, entgegnete er ruhig. Die Wachleute verstanden, nicht warum der Drache auf den Jungen hörte. Sie sahen sich ratlos an und suchten nach einer Erklärung dafür.
Gustav machte einen Schritt nach vorne. „Sie wollte dich beschützen?“ Er zeigte mit dem Finger auf ihn und zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Aber wie ist das möglich? Woher kommt dieser Drache?“, fügte er skeptisch an und blickte verwirrt zu Catherine.
Diese schloss die Augen und amtete gelassen aus. „Ist jetzt nicht wichtig“, sprach sie ruhig. „Wir haben ihn endlich gefunden.“ Sie ging auf Roland zu, kniete zu ihm herunter und lächelte ihn an. „Das genügt mir vorerst.“ Anschliessend schaute sie die Drachin an. Das Weibchen blickte skeptisch zurück und schnaubte einmal.
Catherine stand auf und winkte ihren Hauptmann zu sich. „Ist in Ordnung, Koris. Dieser Drache stellt für uns keine Bedrohung dar. Ihre Männer können zurücktreten.“ „Sehr wohl, Lady Catherine“, entgegnete er, nickte ihr zu und drehte sich anschliessend zu seinem Gefolge um. „Männer! Wegtreten. Packen wir zusammen und machen uns auf den Rückweg nach Ironwing.“ Die Soldaten salutierten und riefen zugleich. „Jawohl Hauptmann.“ Sie steckten ihre Waffen ein und marschierten zur Kutsche und den Pferden zurück.
Catherine drehte sich zu dem Jungen um. Sie lächelte und hielt ihm eine offene Hand entgegen. „Komm Roland, bringen wir dich heim.“ Das Weibchen knurrte darauf leise. „Du kommst natürlich auch mit“, sprach Catherine und schmunzelte die Drachin an. Das Knurren verstummte schlagartig und mit hochgestellten Ohren gurrte sie zufrieden.
Der Junge verlor sich kurz in Gedanken. Heim, dachte er und es kam ihm ein nebeliges Bild seiner Mutter in den Sinn. Anschliessend schüttelte er den Kopf und schaute hoch zu Catherine.
Er griff nach der Hand, welche sie ihm entgegenhielt und richtete sich langsam auf. Auf halbem Weg spürte er allerdings einen Schwächeanfall. Der Junge verlor das Gleichgewicht und sackte rückwärts zu Boden. In seinem Blick fing alles an zu verschwimmen und zunehmend verdunkelte sich sein Blick. Er nahm noch einige Bewegungen um sich herum wahr, verlor dann aber das Bewusstsein.
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Währenddessen … An einem fernen, düsteren Ort.
„Ich bin dieser Verzögerungen langsam überdrüssig! Habt ihr ihn nun, oder nicht!?“, keuchte eine Gestalt in einer roten Robe und einem langen, goldenen Stab in der Hand. Sie sass in einem steinernen Thron und trug eine silberne Maske. Die eine Gesichtshälfte machte einen fröhlichen Eindruck, die andere einen traurigen. „Ja, eure Lordschaft“, sprach der grosse Mann vor ihm. „Also, wir hatten“, fügte er beschämt hinzu. „Soll heissen?“, keuchte die Gestalt ungeduldig. „Er ist, nun ja …“, erklärte er zögerlich. Er griff sich mit einer Hand an den Hinterkopf und blickte verlegen zur Seite. „Er ist eine Klippe hinuntergefallen, als wir versuchten, ihn zu …“, erklärte er und hielt sich eine Hand an die Stirn.
„Ihr enttäuscht mich erneut, Larzarus!“ Die Gestalt hielt ihm die Spitzte des Stabes entgegen. Sie hatte die Form eines Drachenkopfes der Feuer speit. „Nein, eure Lordschaft. Ich gab euch mein Wort, dass ich ihn finden und zu Euch bringen werde!“ Der Mann senkte untertänig seine Stirn. „Ich habe meine besten Leute auf die Suche nach ihm geschickt.“
Die Gestalt stand aus ihrem Thron auf und richtete ihre knöcherne Hand auf den Mann. „Auf euch abtrünniges Söldnerpack ist kein Verlass mehr!“ Er hob seinen Stab hoch, hielt ihn vor sich hin und begann, unverständliche Worte zu murmeln. Mit beiden Händen begann er, ihn in einer kreisförmigen Bewegung zu schwingen. Um Larzarus entstand eine pechschwarze Wolke, welche sich wie eine Schlange um ihn herum bewegte. „Was wird das?!“ Der Mann blickte ihn verwirrt an.
Die Wolke baute sich vor ihm auf und nahm die Gestalt eines grossen Menschen an. Der Schatten starrte Larzarus tief in die Augen. Ein violetter Schein brannte auf dessen leerem Gesicht. Der Mann in der roten Robe stiess einmal mit dem Stab auf dem Boden auf. Laut hallte das Echo des Schlages durch den hohen Raum und gleich darauf wurde Larzarus von der Erscheinung am Hals gepackt und hochgehoben.
„Mich zu töten wird ihn auch nicht herbringen!“, hechelte er und schnappte nach Luft. Der Mann mit dem Stab hob den Kopf zu ihm hoch und ging um ihn herum. „Euch töten?“, sagte er gefolgt von einem kalten Lachen. „Nein, mir schwebt etwas Geeigneteres vor.“ Er stiess erneut mit dem Stab auf den Boden und der Schatten begann sich aufzulösen.
Larzarus fiel auf die Knie. Er lag auf allen Vieren und hustete stark, der dunkle Schleier schwebte nun über ihm. Die Gestalt in der Robe stand neben ihm, den Arm geradeaus gestreckt. „Es scheint mir nun an der Zeit, unsere Geschäftsbeziehung etwas zu vertiefen“, begann er und senkte seine knochige Hand. Der Schleier fuhr augenblicklich auf den hustenden Mann nieder und Larzarus richtete sich schnell auf, den Oberkörper verkrampft hoch gestreckt, die Arme nach hinten und mit dem Gesicht nach oben. Sein schmerzender Schrei hallte von der hohen Kuppel des Daches wider, als der Schatten durch Mund, Nase und Augen in seinen Körper eindrang. Schwerfällig warf es ihn danach stark zu Boden. Der grosse Mann lag auf dem Bauch und zitterte verkrampft. Schwer atmete er und schickte einen wütenden Blick zu dem Nekromanten. Seine Augen blitzten mit einem kurzen violetten Schimmer auf, welcher langsam erlosch, bis die rote Farbe seiner Pupillen wieder sichtbar wurde.
„Betrachtet es als Versicherung, welche ein weiteres Versagen verhindern wird!“ Der maskierte Mann ging einige Stufen hoch und setzte sich wieder auf den steinernen Thron. Er lehnte den Stab an der Seite des Stuhles an und hielt die knochigen Fingerspitzen vor dem Gesicht zusammen.
„Kehrt nun nach Parem zurück und schliesst euch wieder der Suche an. Ich will diesen Jungen.“ Er hielt beide Arme auseinander und richtete seinen Blick nach oben. „Mat gorsch lukrat. Mat gorsch pechtol!“, stiess er laut aus und sein keuchendes Echo hallte von der Decke. In seinen Augen flackerten die violetten Flammen lodernd auf.
Finster blickte die Maske den Mann an. „Wie ging euer Leitspruch noch gleich? Ach ja. Die Unsterblichkeit für uns …“, keuchte die Gestalt selbstgefällig mit einem violetten Funkeln in den Augenhöhlen. In Larzarus Pupillen schimmerten ebenfalls violette Lichter auf und er begann sich fremdgesteuert zu bewegen. Er stellte sich etwas verkrampft aufrecht hin, senkte den Kopf nach vorne und zog seinen rechten Arm zittrig zur linken Schulter hoch. „Tod den Anderen“, sprach er zittrig und schritt zögerlich zur Tür hinaus.
Larzarus stand unter dem Torbogen, als er hustend stehen blieb. Erschöpft hielt er sich eine Hand vor den Mund. Der violette Schimmer in seinen Augen klang ab und er hatte wieder die Kontrolle über sich selbst. Anschliessend schüttelte er den Kopf und schritt knurrend nach draussen.
Kurz darauf trat eine Person ein. Sie trug eine graue Robe, mit sechs verschiedenen Symbolen darauf, welche alle zu leuchten schienen. Lautlos bewegte sie sich in den Raum, als würde sie knapp über dem Fussboden schweben. Begrüssend verneigte sie sich vor dem Nekromanten. Das Gesicht war im Schatten der Kapuze nicht zu sehen. „Seid gegrüsst Lord Kargesh!“, verkündete sie laut.
„Was wollt ihr hier?“, keuchte dieser abweisend. „Unsere Vereinbarung ist bereits erfüllt.“ „Oh, das sehe ich“, entgegnete die Gestalt amüsiert. „Doch wie mir scheint, habt ihr euren Anteil nicht sonderlich effizient umgesetzt.“ Ein drohendes Leuchten blitzte hinter der Silbermaske auf. Einen langen Augenblick sah er den Fremden schweigend an.
„Weswegen seid ihr nun hier?“, fragte der Nekromant erneut. „Seelengefässe“, antwortete die Kutte gelassen. „Dann habt ihr die Kammer also gefunden?“, fuhr Kargesh fort, als er aus seinem Thron aufstand. „Das, und auch das nächste Hindernis.“ Für einen kurzen Augenblick hielt er inne. „Ich brauche fünf. Mächtig genug, um die Aura eines Wächters zu halten.“
Leicht gebeugt schritt Kargesh an den Fremden heran. Gierig schimmerten seine Augen, als er seine knochigen Finger auf den Unbekannten richtete. „Und warum sollte ich euch erneut helfen?“, keuchte er laut. Die Kapuze der Gestalt hob sich leicht. „Sagen wir…, ich kenne das Versteck deiner Beute und könnte dir auch helfen, sie einzufangen.“
Ein neugieriges Funkeln brannte in den Augenhöhlen der Maske. „Ich bin ganz Ohr …“
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